Von Bern aus sind Sie in gut einer halben Stunde in einer anderen Sprachregion. Der Direktzug nach Neuchâtel braucht rund 35 Minuten, und wer am Bahnhof sitzen bleibt, ist zwanzig Minuten später in Noiraigue, am Fuss des Jurasüdhangs. Drei Stunden Aufstieg trennen diesen Bahnhof vom Creux du Van, jenem Felsenkessel, den die Deutschschweizer Wanderliteratur gern als Grand Canyon der Schweiz bezeichnet. Der Vergleich hinkt in den Dimensionen, trifft aber die Wirkung: Der Boden endet, und darunter liegen über hundertfünfzig Meter senkrechte Wand.
Der Herbst ist die Jahreszeit, in der dieser Ort am meisten hergibt. Die Luft wird trocken, die Fernsicht reicht plötzlich bis in die Alpen, die Buchenwälder färben sich, und die Sonntagsströme des Sommers sind verschwunden. Wenn Sie diese Wanderung planen, machen Sie sie ohne Auto und mit einer Übernachtung: Im Hôtel Beaulac wohnen Sie direkt am Neuenburgersee, wenige Minuten vom Bahnhof entfernt. Sie starten am Morgen mit dem ersten Zug und sitzen am späten Nachmittag wieder am Wasser.
Ein Felsenkessel, der im Herbst zu seiner Form findet
Der Creux du Van ist keine Felswand, sondern eine Arena. Ein natürlicher Felszirkus von rund 1400 Metern Breite an der Kantonsgrenze zwischen Neuchâtel und Vaud, dessen senkrechte Wände ein bewaldetes Kar umschliessen. Entstanden ist die Form durch Frost und Tauwechsel während der Eiszeiten.
Der Name hat mit einem Lieferwagen nichts zu tun. «Van» geht auf das Frankoprovenzalische zurück, wo es Felsen bedeutet, oder auf das keltische «vanno» für Hang.
Das ganze Gebiet ist Naturschutzgebiet, rund fünfzehn Quadratkilometer, die auch die Areuse-Schlucht und die Montagne de Boudry umfassen. Eine Kolonie von etwa zwanzig Steinböcken, in den 1960er-Jahren wieder angesiedelt, lebt hier neben Gämsen, Rehen, dem Luchs und dem seltenen Auerhuhn. Im Herbst ziehen die Steinböcke gern auf die Felsbänder unterhalb der Kante und lassen sich vom Wanderweg aus beobachten, oft auf wenige Meter. Ein Feldstecher lohnt sich, Geduld noch mehr.
Für ein Schutzgebiet gelten Regeln: Pflücken und Biwakieren sind untersagt, Hunde müssen an der Leine geführt werden.
Und ein Herbstphänomen, das viele unterschätzt: Liegt der Hochnebel über dem Mittelland, stehen Sie auf 1400 Metern über einem Nebelmeer, das bis zum Alpenrand reicht. Die Webcams der umliegenden Bergrestaurants zeigen morgens ziemlich zuverlässig, ob sich der Aufstieg lohnt.
Der Sentier des 14 Contours: die klassische Route ab Noiraigue
Dieser Weg, der Pfad der vierzehn Kehren, ist die überzeugendste Variante und die einzige, die vollständig mit dem öffentlichen Verkehr funktioniert. Der Zug von Neuchâtel nach Noiraigue verkehrt im Stundentakt und braucht rund zwanzig Minuten.
Ab Bahnhof folgen Sie den gelben Wegweisern zunächst auf Asphalt, dann auf einem Kiesweg, der im Wald deutlich steiler wird. Bis zur Alp Les Oeuillons mit ihrer Beiz sind es etwa fünfzig Minuten, danach führen die vierzehn Kehren in rund eineinhalb Stunden hinauf zum Soliat. Jede Kehre ist gelb numeriert, was dem Aufstieg etwas Spielerisches gibt und beim Einteilen der Kräfte hilft.
Oben kommt der Kessel ohne Vorwarnung. Man tritt aus dem Wald, und die Arena liegt da. Der höchste Punkt des Soliat liegt auf 1463 Metern; bei klarer Luft sehen Sie im Süden den Neuenburger Seeuferstreifen, im Norden das Val-de-Ruz und das Val-de-Travers, dahinter die Alpenkette.
Weiter geht es entlang der Kante und dann hinunter zur Ferme Robert. Für diesen Abschnitt rechnen Sie etwa eineinhalb Stunden, für den Rest bis Noiraigue weitere fünfunddreissig Minuten. Unterwegs liegt die Fontaine Froide, eine eiskalte Quelle am Wandfuss, die das ganze Jahr über kaltes Wasser liefert. Die Absinthtrinker des Val-de-Travers halten viel von ihr.
Zwei Hinweise. Entlang der Kante trennt eine Trockenmauer die Weide vom Abgrund, und Sie können auf der sicheren Seite gehen. Der äussere Pfad, weiss-rot-weiss markiert, verläuft ohne jede Sicherung und ist nichts für Menschen mit Höhenangst. Und es gibt eine steilere Alternative, den Sentier du Single, den viele lieber im Abstieg nehmen.
Insgesamt rund zwölf Kilometer, 700 bis 800 Höhenmeter, vier bis fünf Stunden reine Gehzeit. Planen Sie den ganzen Tag ein.
Was im Herbst anders ist
Die Tage werden kurz. Ende Oktober wird es gegen achtzehn Uhr dunkel: Fahren Sie vor neun Uhr aus Neuchâtel los und schauen Sie sich den Rückfahrplan an, bevor Sie aufsteigen, nicht danach.
Nasses Laub und Feuchtigkeit machen den Abstieg rutschig, besonders auf den Wurzeln und Platten des Sentier du Single. Wanderschuhe mit Profil und knöchelhohem Schaft sind hier keine Übertreibung. Auf 1400 Metern kann es frieren, während es am See noch mild ist: Eine warme Schicht und leichte Handschuhe gehören ins Gepäck, auch wenn das Thermometer in Neuchâtel fünfzehn Grad zeigt.
Zur Verpflegung: Das Bergrestaurant Le Soliat liegt auf 1382 Metern direkt am Rand des Kessels, und die Ferme Robert erwartet Sie auf 972 Metern am Wandfuss mit regionaler Küche. Die Öffnungszeiten wechseln mit der Saison, und die Alpwirtschaften schliessen gegen den Winter hin schrittweise. Ein Anruf vorher erspart Enttäuschungen. Bei der Ferme Robert gibt es zudem ein Naturzentrum mit freiem Eintritt, in der Saison an Wochenenden und Feiertagen geöffnet.
Zum Auto noch ein Wort. Vor dem Restaurant Le Soliat gibt es einen Parkplatz, fünf Gehminuten vom Kessel entfernt, doch die Zufahrt von Couvet oder vom Neuenburger Seeufer her ist schmal und das Kreuzen schwierig. Das ist die Variante für Eilige und gleichzeitig die, die den besten Teil der Wanderung auslässt.
Ein Tag im Jura, ein Abend am See
Genau hier ergibt die Kombination Sinn. Der Creux du Van ist eine karge, körperliche Angelegenheit. Am späten Nachmittag in Neuchâtel aus dem Zug zu steigen und eine Viertelstunde später am See zu sitzen, ist ein Kontrast, den kaum eine andere Destination so kurz hintereinander bietet.
Im Hôtel Beaulac wohnen Sie am Wasser, wenige Minuten vom Bahnhof. Nach sechs Stunden zu Fuss heisst das: eine Dusche, ein Tisch mit Seesicht und bei klarem Himmel ein Glas auf der Rooftop-Bar Waves. Am nächsten Tag müssen Sie nichts organisieren, denn die Areuse-Schlucht, das Neuenburger Weinbaugebiet und die Altstadt liegen alle in Reichweite.
Reservieren Sie Ihren Herbstaufenthalt auf beaulac.ch und machen Sie den Creux du Van zum ersten Tag eines Wochenendes am See statt zu einem Ausflug für sich.


