Sie kennen den Fendant aus dem Wallis und den Pinot Noir aus der Bündner Herrschaft. Den Neuenburger Wein kennen Sie mit einiger Wahrscheinlichkeit nicht, obwohl er eine gute halbe Stunde von Bern entfernt wächst. Der Grund ist einfach: Es verlässt kaum etwas die Region. Vierundfünfzig Winzer bewirtschaften rund sechshundert Hektar und produzieren im Jahresmittel dreiunddreissigtausend Hektoliter, wovon der Export gerade ein Prozent ausmacht. Der Rest wird hier getrunken, in den Caveaux am See, auf den Weinkarten der Altstadt, am Tisch der Einheimischen.
Das ist die kleinste Weinbauregion der Schweiz, und genau darin liegt ihr Reiz. Vom Hôtel Beaulac direkt am Neuenburgersee sind es wenige Minuten bis zur Endstation jenes Trams, das mitten durch die Rebberge fährt. Ein Vormittag genügt, um diese Region zu verstehen, ein Tag, um sie abzugehen.
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Drei Weine, die es so nur hier gibt
Das Neuenburger Weinbaugebiet zieht sich über dreissig Kilometer, zwischen Le Landeron und Vaumarcus am Nordufer des Sees. Es liegt als schmales Band am Fuss der ersten Jurakette. Der See mildert die Winterkälte und die Sommerhitze, der Jurabogen schirmt die feuchten Atlantikströmungen ab, und die Ostausrichtung sorgt für Durchlüftung und Besonnung. Die Böden sind jurassischen Ursprungs, kalkig und steinig.
Nur zwölf Rebsorten sind für die Appellation zugelassen; die weissen belegen vierzig Prozent der Fläche, die roten sechzig, überwiegend Pinot Noir. Die Identität des Kantons hängt aber an drei Weinen.
Der Non Filtré ist der eigenwilligste. Ein Chasselas, der ohne Endfiltration in die Flasche kommt, und der erste Schweizer Wein des Jahres. Er erscheint am dritten Mittwoch im Januar, und das Etikett wird verkehrt aufgeklebt, damit man die Flasche vor dem Einschenken wendet und die Hefe wieder in Schwebe bringt. Dieser Mittwoch ist im Kanton ein Datum mit eigener Aufregung. Der Non Filtré ist übrigens der einzige Neuenburger Wein, der es in nennenswerten Mengen nach Deutschland, in die USA und nach Japan schafft. Wer im Winter wiederkommt, sollte den Termin kennen.
Der Oeil de Perdrix ist ein Rosé aus hundert Prozent Pinot Noir, weiss gekeltert, dessen lachsfarbener Ton dem Wein den Namen gab, nämlich Rebhuhnauge. Erfunden wurde er im 19. Jahrhundert in Neuchâtel, weshalb Kenner den Neuchâtel Oeil de Perdrix als das Original betrachten. Der Name wurde später in anderen Kantonen übernommen, entstanden ist er hier.
Der Pinot Noir schliesslich bildet die Spitze. Neuchâtel war der erste Kanton der Schweiz, der Ertragsbeschränkungen einführte, was der Sorte Komplexität und Lagerfähigkeit brachte. Die Preise beginnen bei rund elf Franken für einen Non Filtré und reichen bis etwa fünfundvierzig Franken für einen sehr guten Pinot Noir.
Neu ist der Rebbau hier nicht. Schon zur Römerzeit wurde Wein produziert, und die erste beurkundete Nennung findet sich in der Gründungsurkunde des Priorats von Bevaix.
Die Winzerdörfer von Auvernier bis Le Landeron
Das Gebiet liest sich als Kette von Dörfern, jedes mit eigenem Charakter.
Auvernier ist das meistfotografierte, und das mit Grund: Der Ortskern hat seine Architektur aus dem 17. und 18. Jahrhundert nahezu unverändert behalten, mit Brunnen und Portalen aus gelbem Sandstein. Die Rebfläche der Gemeinde beträgt siebzig Hektar, überwiegend Chasselas, und das Château d’Auvernier mit seinen sechsundzwanzig Hektar ist seit 1603 im Besitz der Familie Grosjean. Sieben Tramminuten ab Stadtzentrum, ein logischer Startpunkt.
Cortaillod hat seinen eigenen Ruf, begründet auf einem Pinot-Noir-Klon, der den Dorfnamen trägt und weit über die Region hinaus gesetzt wurde. Seine Hänge gehören zu den malerischsten des Gebiets.
Boudry bündelt das, was Besucher suchen, mit Schloss und Caveau.
Weiter östlich wechselt im Entre-deux-Lacs die Stimmung. Cressier, Saint-Blaise und Le Landeron liegen näher am Bielersee, werden weniger besucht, und die Betriebe sind dort oft familiärer geführt.
Wo Sie tatsächlich degustieren können
Hier scheitern die meisten Besucher, denn das Neuenburger Gebiet hat keine ausgeschilderte Weinstrasse mit durchgehend offenen Kellern. Es funktioniert auf drei Ebenen.
Die Gemeinschaftscaveaux sind der einfachste Zugang, weil sie die Weine mehrerer Winzer an einem Ort versammeln. Es gibt drei davon: Boudry, Cortaillod-Bevaix und Entre-deux-Lacs. Der in Boudry bleibt am längsten in Erinnerung: Er ist in der Tour de Pierre untergebracht, einem kleinen Bau mittelalterlicher Anmutung inmitten der Reben, und von seiner Terrasse überblickt man den ganzen Hang. Prüfen Sie die Öffnungszeiten vorher, denn sie sind knapp und saisonal unterschiedlich.
Das Schloss Boudry ist die offizielle Eingangstür. Es beherbergt das Rebbau- und Weinmuseum sowie eine Oenothek, und man degustiert dort Weine und regionale Produkte in einem Rahmen, der die Fahrt für sich allein rechtfertigt. Die richtige Adresse, wenn Sie verstehen wollen, bevor Sie probieren.
Die Einzelbetriebe verlangen etwas Organisation, bieten aber den direktesten Austausch. Mehrere empfangen auf Voranmeldung, mit Kellerbesichtigung, Degustation und manchmal einem Rundweg durch die Reben. Namen, die in den Weinführern regelmässig auftauchen: Caves du Château d’Auvernier, Domaine de la Maison Carrée in Auvernier, Domaine de Chambleau in Colombier, Domaine des Cèdres in Cortaillod, Grillette in Cressier und Domaine Saint-Sébaste in Saint-Blaise. Eine Mail einige Tage vorher genügt meist.
Wer im Frühling statt im Herbst kommt, sollte sich die Caves Ouvertes notieren, zwei Tage Anfang Mai, an denen die Winzer öffnen und Shuttlebusse zwischen den drei Zonen des Gebiets verkehren.
Anfahrt mit dem Tram, und der richtige Zeitpunkt
Dieses Weinbaugebiet ist eines der wenigen in Europa, das man mit dem Tram durchquert. Der Littorail verbindet die Place Pury mitten in Neuchâtel entlang des Sees mit Boudry und hält unter anderem in Auvernier, Colombier und Areuse. Die Kompositionen verkehren im Zwanzigminutentakt und bedienen zwölf Haltestellen. Bis Auvernier sind es sieben Minuten, bis Boudry keine zwanzig. Cortaillod liegt seit den Achtzigerjahren nicht mehr an der Linie und wird mit dem Bus erschlossen.
Die überzeugendste Variante: in Auvernier aussteigen, durch das Dorf gehen und dann durch die Reben Richtung Boudry wandern, den See linkerhand. Anderthalb Stunden leichtes Gehen ohne nennenswerte Steigung, mit Caveau oder Schloss am Ende.
Zum Zeitpunkt: Der Herbst drängt sich auf. Die Weinlese gibt den Rebbergen eine Betriebsamkeit, die sie sonst nicht haben, das flache Licht arbeitet das Relief der Hänge heraus, und das Laub färbt sich. Es ist zudem die Saison der Torrée, einer Neuenburger Tradition, bei der die kantonale Wurst in der Glut gegart und mit Salat und einem Glas Pinot Noir gegessen wird. Wenn sich die Gelegenheit bietet, lassen Sie sie nicht liegen.
Ein Nachmittag in den Reben, ein Abend am See
Das Neuenburger Weinbaugebiet besucht man nicht wie das Burgund oder das Piemont. Es ist klein, zurückhaltend, ohne touristische Apparatur, und darin liegt sein Wert: Sie trinken Weine, die Sie zu Hause nicht wiederfinden.
Das Hôtel Beaulac ist dafür der logische Stützpunkt. Sie wohnen am Wasser, wenige Minuten von der Endstation des Littorail, mit einer Weinkarte, die auf die Produzenten der Region setzt, und mit Personal, das die Betriebe kennt. Sie kommen aus den Reben zurück, setzen sich mit Blick auf den See und degustieren am Tisch weiter.
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